Prof. Günter FaltinBei unserem letzten Besuch beim Berliner Entrepreneurship Summit im Herbst 2015 haben wir kurz mit Prof. Günter Faltin gesprochen. Prof. Faltin will seinen
Lesern mit seinen Büchern „Kopf schlägt Kapital“* und „Wir sind das Kapital“* (zugehörige Website) die Angst vor dem Gründen durch die Nutzung von Komponenten nehmen. Er zeigt in diesen Büchern Wege auf, wie man mit wenig Kapital basierend auf einem ausgefeilten Entrepreneurial Design gründen kann. Selbst hat er bereits auch schon sehr erfolgreich gegründet.

Die Aktivitäten seiner Stiftung mit dem Ziel der Förderung des Gründertums in Deutschland, zu denen auch der jährlich stattfindende Entrepreneurship Summit zum Austausch und der Weiterbildung von Gründern gehört, findet Ihr auf entrepreneurship.de. Einen kurzen Lebenslauf von Prof. Faltin findet Ihr am Ende dieses Artikels.

Aber nun zum Interview, das wir mit Prof. Faltin führen durften.

 

HdL Fanblog: Ich möchte das Interview gerne mit einer allgemeinen Frage beginnen. Mich persönlich begeistern die moderneren Ansätze zur Gründung sehr. Wenn man sich damit auseinandersetzt, stößt man u.a. auf „The Art of the Start“* von Guy Kawasaki, Tim Ferriss‘ „Die 4-Stunden-Woche“*, auf Ihre Bücher natürlich oder jetzt relativ aktuell auf „Lean Startup“* von Eric Ries. Als Einstiegsfrage würde ich gerne von Ihnen wissen, wie Sie Ihre Schule der Gründung im Vergleich zu den Kollegen sehen, wo Sie Schnittmengen und Unterschiede sehen, sofern Sie einen der Kollegen gelesen haben.

Prof. Faltin: Die Bücher habe ich gelesen, und ich denke, sie gehen alle in dieselbe Richtung.

Was mich mit Kawasaki verbindet, ist das „Go for a cause“. Nicht einfach irgendwas machen, sondern etwas mit Bedeutung. Und auch den wunderschönen Satz von ihm: „It took me 20 years to come to this conclusion.“ kann ich so unterstreichen.

Auch Eric Ries‘ Ansatz von Lean-Startup teile ich. Wobei sein Begriff vom Lean-Startup meiner Ansicht nach ein Prinzip ist, dass wir in Europa schon viel länger haben. ALDI ist natürlich ein Lean-Startup. Die Teekampagne, die ich 1985 gegründet habe, war auch ein extrem schlankes Startup, bei dem Handelswege eingespart wurden und verhältnismäßig wenig Kapitaleinsatz nötig war. Allerdings teile ich nicht die Meinung, möglichst schnell an den Markt zu gehen. Wichtig ist, ein gut ausgearbeitetes Geschäftskonzept vorzulegen und den Proof of Concept zu machen. Nur dann kann man auch unvorhergesehene Stöße aushalten.

Bei Timothy Ferriss ist die Verwandtheit klar: Der Entrepreneur muss den Kopf frei haben und den Horizont im Auge behalten, um Entwicklungen frühzeitig zu erkennen. Bei einem 12-Stundentag geht so etwas nicht. Es ist wichtig, sich von dem Routinegeschäft zu entlasten und möglichst viel an Komponenten abzugeben. Ich habe hierzu übrigens auch einmal ein Interview mit Tim Ferris geführt.

Mit Komponenten gründen heißt: Aufgaben, die einem nicht besonders liegen oder die spezielle Kenntnisse erfordern, an professionelle Dienstleister abzugeben. Diese Diensleister sind meine Komponenten und sie funktionieren wie Zahnräder, die eng ineinander greifen. Der Fachmann fürs Rechnungswesen beispielsweise weiß genau, wie die Schnittstelle zur Warenwirtschaft aussehen muss. Professionelle Komponenten erleichtern das Gründen, bewahren den Gründer vor Fehlern und sind kostengünstiger, als alles im eigenen Unternehmen aufzubauen.
Wir haben übrigens vor einem guten Jahr das Komponentenportal gestartet, wo Gründer professionelle Dienstleister finden.

HdL Fanblog: Vielen Dank für diese Einblicke. Kommen wir zum eigentlichen Anlass unseres Interviews: zur Höhle der Löwen. Die Sendung hat auf VOX sehr viel Erfolg, ganz ähnlich zu Shark Tank in den USA. Haben Sie sich denn eine oder mehrere Folgen der Sendung angeschaut?

Prof. Faltin: Ich habe mir eine Folge angeschaut. Das Positive daran ist, dass durch ein solches Format das Thema Gründen mehr Aufmerksamkeit erhält. Wenn das durch hohe Einschaltquoten gelingt und Menschen auf diese Art auf das Thema Entrepreneurship vorbereitet werden oder sie bestärkt, eine Gründung weiterzuverfolgen, dann ist das sehr gut.

Was ich nicht so gut finde, ist der Fokus der Sendung. Er liegt meines Erachtens zu stark auf der Frage nach der Finanzierung und ob ich die Juroren für meine Ideen begeistern kann oder nicht. Das finde ich problematisch. Wenn man nämlich wirklich „lean“, also mit Komponenten, gründet, braucht man sofort viel weniger Kapital. Das macht eine Höhle der Löwen überflüssig.

Ich selbst habe RatioDrink mitgegründet, ein Unternehmen, das aus 100% Komponenten besteht. Das funktioniert gut. Und der Entrepreneur hat Zeit und Muße, um zu überlegen, wie es mit dem Unternehmen weitergehen soll, wie man die Geschäftsidee, das Entrepreneurial-Design, noch verbessern kann. Zu einem guten Entrepreneurial Design gehören immer der Einsatz von Komponenten, aber auch die Finanzierung.

Es gibt viele Möglichkeiten, um den Kapitalbedarf so gering zu halten, dass man ihn tatsächlich selbst oder mit ein paar Freunden oder Familie bewältigen kann. Die Gründungen, an denen ich beteiligt bin, immerhin so etwa ein Dutzend, haben mit kleinen Beträgen angefangen, die man selber aufbringen kann.
Übrigens gibt es einen berühmten Satz von Richard Branson, dem Virgin-Gründer, der sagte: „Wir hatten kein Geld, also mussten wir kreativ sein.“ Das ist ein extrem guter Satz und immerhin ist er ein sehr erfolgreicher Entrepreneur.

Bei der Teekampagne haben wir z.B. die 60 Tage genutzt, die man im internationalen Handel hat, um eine Rechnung zu begleichen. Das Schiff mit dem Tee braucht fast einen Monat von Indien nach Deutschland. Es blieb uns also noch ein weiterer Monat, um unsere Ware zu verkaufen, bis die große Rechnung fällig wurde. Auch das ist Kapitalbeschaffung. Und das kommt bei der Höhle der Löwen leider viel zu kurz.

Es ist natürlich nicht falsch, seine Idee anderen vortragen zu müssen. Diesen Teil finde ich gut. Durch die Formulierungen und die Fragen des Gegenübers lernt man hinzu.

HdL Fanblog: Wie empfinden Sie allgemein die Fragen beziehungsweise das Verhalten der Löwen? Auch wenn es nur eine Sendung ist, auf die Sie sich beziehen können?

Prof. Faltin: In einem solchen Format müssen immer Spannungselemente erzeugt werden, wo eigentlich gar keine sind. Das ist eine Dramaturgie, die bei der Erarbeitung eines Geschäftsmodells fehl am Platze ist. Eigentlich sollte eine äußerst sachliche, unemotionale Beschreibung des Entrepreneurial Designs stattfinden und es sollte eine sehr tief gehende Auseinandersetzung damit sein. Man braucht viel Zeit, um sich mit einem Entrepreneurial Design auseinanderzusetzen, mehr als in den 15-30 Minuten, die es in der Höhle der Löwen zu sein scheinen.

HdL Fanblog: Die meisten Gründer sind tatsächlich circa zwei Stunden in der Höhle der Löwen. Tatsächlich gezeigt wird das allerdings dann sehr stark heruntergeschnitten auf maximal eine halbe Stunde.

Prof. Faltin: Gut, zwei Stunden, aber trotzdem weiß ich aus meiner Erfahrung, dass man lange braucht, bis man wirklich das Potenzial des Gründers erkennt und herausgefunden hat, ob er oder sie die Marktverhältnisse versteht, in denen sich der Gründer später bewegen wird.

Geht es um ein Team, muss man schauen, ob alle an einem Strang ziehen. Anfangs ist meist alles gut, die Probleme kommen später, wenn die Richtungskämpfe einsetzen, wenn man unterschiedlicher Meinungen ist. Da muss man Teams lange beobachten, um zu einer fundierten Beurteilung kommen zu können.

Es ist schade, dass im Rahmen der Sendung nicht klargestellt wird, dass die Auseinandersetzung mit dem Gründer und seinem Konezpt eigentlich viel länger dauert. Als Zuschauer hat man den Eindruck, als sei die Präsentation so kurz wie von mir wahrgenommen.

Zusammenfassend ist also meine Hauptkritik an der Höhle der Löwen, dass der Fokus falsch ist. Es müsste viel mehr auf die Qualität des Entrepreneurial Designs eingegangen werden, und die Finanzierung ist Teil davon. Wie kann ich mich weitgehend unabhängig von Venture Capital oder Banken machen? Sich finanzieren lassen bedeutet immer Abhängigkeit. Oft könnte man sehr viel sparsamer gründen und seine Unabhängigkeit bewahren.

HdL Fanblog: Eines von den Startups, die ja auch aus Ihrem Umfeld kommen oder sich dort präsentieren, Koawach (zum Interview), war ja in der letzten Staffel in der Höhle der Löwen. So wie ich Sie verstanden habe, finden Sie das dann wahrscheinlich nicht gut?

Prof. Faltin: Das müssen die Gründer für sich entscheiden. Es ist ja schön, wenn sie ausgewählt werden und spricht dafür, dass es nicht das schlechteste Konzept ist. Manchmal braucht man auch einfach Kapital, aber, wie gesagt, in den meisten Fällen kann man durch sorgfältiges Arbeiten am Entrepreneurial Design Finanzierungsmöglichkeiten finden oder durch Komponenten Kapitalaufwand vermeiden. In diesem Fall kann ich nicht beurteilen, was die Gründer bewegt hat, sich zu bewerben.

HdL Fanblog: Würden sie bei Startups, an denen Sie beteiligt sind, akzeptieren oder unterstützen, dass sie in die Höhle der Löwen gehen wollen?

Prof. Faltin: Ich würde es ein bisschen als verlorene Zeit ansehen bzw. fragen: Lohnt das den Zeitaufwand? Der Nebeneffekt der Teilnahme an einer solchen Sendung ist natürlich, dass der Bekanntheitsgrad viel höher wird. Wenn mein Auftritt überzeugend war, gewinne ich vielleicht eine Menge Kunden. Das ist ein Aspekt, der ist interessant. Kostenlose Medienaufmerksamkeit ist immer gut.

HdL Fanblog: Denken Sie denn, dass die Höhle der Löwen Menschen ermutigt, zu gründen?

Prof. Faltin: Manchmal ist es ja so, dass der Gedanke zum Gründen in den Leuten schlummert und durch so eine Sendung bewusst wird. Vielleicht sagen auch viele: „Mein Gott, das kann ich auch, was da vorgetragen wurde.“ Wenn eine solche Sendung diesen ermutigenden Effekt hat, und das kann ich mir vorstellen, dann wäre die Sendung hilfreich für das Thema: Wie können wir viel mehr Menschen für Entrepreneurship gewinnen?

HdL Fanblog: Wären Sie mit der Teekampagne in die Höhle der Löwen gegangen, wenn Sie nicht die Lücke gefunden hätten mit der Vorfinanzierung?

Prof. Faltin: Nein. Das Konzept der Teekampagne sah so schräg aus, dass ich mir diese Abfuhr gespart hätte. Wenn da jemand kommt und sagt: „Ich bin Hochschullehrer“ und : „Ich verstehe von Tee nichts“ und mein Konzept ist: nur eine einzige Sorte Tee und auch die nur in Großpackungen. Da glaube ich, wäre das Ergebnis einer solchen Veranstaltung gewesen: „Mein lieber Herr Professor, das ist aber nichts.“
Aber die Teekampagne wurde ein großer Erfolg. Ich glaube nicht, dass in der Höhle der Löwen die wirklich originellen, scheinbar abseitigen Ideen durchkommen. Wenn ich Außenseiter mit einer Innovation bin, an die zunächst keiner glaubt, dann muss ich meine Unternehmung selbst finanzieren, dafür finde ich meist keine Investoren. Und dann bin ich wieder bei Fragen wie: Wie kann ich den Kapitalbedarf verringern? Welche Komponenten kann ich einsetzen? Wie finde ich andere Finanzierungsmöglichkeiten?

Crowdfunding finde ich im Zweifel besser als ein solches Fernsehformat, weil es sachlicher abläuft. Außerdem bekomme ich beim Crowdfunding schon erste Kunden, die von meinem Produkt überzeugt sind. Damit habe ich gleich ein Stück Proof of Concept. Ob ich das bei der Höhle des Löwen habe, weiß ich nicht.

Noch ein letzter Satz: Es gibt seit 15 oder 20 Jahren Businessplan-Wettbewerbe. Eine Studie vergleicht die Gewinner dieser Wettbewerbe mit dem Durchschnitt von Gründern, also mit denen, die keine Preise gewonnen haben. Jetzt würde man erwarten, dass die Gewinner des Businessplan-Wettbewerbs besser abschneiden – das ist aber nicht der Fall: Es gibt keinen Unterschied, keine Korrelation. Das sagt vieles aus! Das Beurteilen durch Juroren von Businessplänen korreliert nicht mit dem späteren Unternehmenserfolg im Markt, das ist ein wichtiger Punkt.

HdL Fanblog: Gibt es noch irgendetwas, was Sie Gründern mitgeben wollen im Rahmen des Interviews?

Prof. Faltin: Arbeiten Sie am Entrepreneurial-Design, also am unternehmerischen Konzept. Denken Sie es immer wieder neu durch, entwickeln Sie neue Sichtachsen, verwerfen Sie Ihren Ansatz, wenn es noch nicht überzeugend ist, testen Sie Annahmen, verwerfen Sie wieder, fangen Sie gegebenenfalls noch einmal neu an und sehen Sie die Finanzierung als Teil des Konzepts.
Im Immobilienmarkt betont man immer: Lage, Lage, Lage – beim Gründen heißt das: Konzept, Konzept, Konzept. Das ist der ausschlaggebende Punkt.

HdL Fanblog: Vielen herzlichen Dank für dieses Interview Herr Professor Faltin!

 

Kurzvita von Prof. Faltin

Günter Faltin, Professor für Entrepreneurship, initiierte 1985 die „Teekampagne” als Modell für Unternehmensgründungen. Er ist Business Angel zahlreicher Start-Ups. 2001 errichtete er die Stiftung Entrepreneurship mit dem Ziel, eine offenere Kultur des Unternehmerischen zu fördern. 2009 erhielt er für die Teekampagne den Deutschen Gründerpreis. Als „Pionier des Entrepreneurship-Gedankens in Deutschland“ zeichnete ihn der Bundespräsident 2010 mit dem Bundesverdienstkreuz aus. Sein Buch „Kopf schlägt Kapital“ war ein Bestseller, der in acht Sprachen übersetzt wurde. Im Februar 2015 erschien „Wir sind das Kapital“, eine Ideenschmiede für Entrepreneure, wie man von einem ersten Einfall bis zu einem ausgearbeiteten Konzept gelangt. Als einer von wenigen Professoren in seinem Feld vermag er dabei den Bogen von der Theorie zur selbst gelebten Praxis zu schlagen.

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